Chaibrother in China #3 – Essen auf Rädern und andere kulinarische Feinheiten

Jeden Tag wurde unsere Delegation mit bestem Speis und Trank verwöhnt . Dabei dient die gemeinsame Verköstigung nicht nur ernährungstechnischen Zielen, sondern schweißt als kollektives Zeremoniell die Tischgenossen zusammen und schult die Sozialkompetenz. In den Restaurants, in die uns unsere Begleiter eingeladen haben, wurden wir in extra Séparées geführt, in denen immer ein großer runder Tisch darauf wartete von uns besetzt zu werden. Das Essenfassen in diesem Rund gewährleistet nicht nur die Möglichkeit zum Blickkontakt mit allen Anwesenden, sondern schult auch weiterhin Wahrnehmung und Aufmerksamkeit den Tischnachbarn gegenüber, da eine große drehbare Glasplatte, auf denen alle Köstlichkeiten kredenzt werden, bewegt werden muss, um zielgerichtet an ein bestimmtes Schüsselchen zu kommen, welches unbeschreibliche Gaumenfreunden verspricht.

Die Reihenfolge, die Drehrichtung und Geschwindigkeit dieses kulinarischen Karussells ist abhängig von der Beobachtungsgabe, der Zurückhaltung und der Kooperation. Da kann es schon mal vorkommen, dass die letzten drei süß-sauer gebackenen Schweinetäschen auf 12 Uhr auf dich warten, während du auf 6 Uhr verzweifelt und mit einem erstarrt höflichen Gesichtsausdruck mit ansehen musst, wie mit jeder Drehung die Scheibe wieder stoppt und auf 5 Uhr die vorletzte Leckerei vor deinen Augen verwertet wird. Bei dir bleibt dann nur das Anstandsstück liegen, welches tatsächlich aus Höflichkeit dem Gastgeber gegenüber nicht angetastet wird, um nicht den Eindruck zu erwecken, es wäre nicht genug da gewesen. Dumm gelaufen.

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Dabei musste sich wirklich niemand Gedanken darum machen, nicht satt zu werden. In einer nicht abreißenden Gourmet Parade wurden so wahnsinnig viele Schüsseln und Platten mit den wundervollsten Speisen serviert, dass man sich relativ schnell zügeln musste, um sicher gehen zu können, dass man auch noch vom letzten Präsentierteller naschen kann. Das Essen kommt dabei immer in einer ganz bestimmten Reihenfolge. Zu Beginn werden die kalten Speisen aufgetischt, denen die warmen Speisen mit den unterschiedlichsten Fleisch- und Gemüsesorten folgen (zu jeder Mahlzeit gab es Schwein, Rind, Hühnchen, Meeresfrüchte, Fisch).

Eher gegen Ende wurde eine Suppe serviert und das Menü abgeschlossen durch Obst und eine große Schüssel Reis. Dieser wird als Mahl der einfachen Leute zum Schluss gereicht, um symbolisch zu ermöglichen, dass nach schier endlosen Gängen auch der letzte satt wird; auch wenn die letzte Ecke des Magens noch mit Reis ausgestopft werden muss. Das war auf jeden Fall überraschend für mich, da ich dachte, dass Reis als Beilage immer mit verzehrt wird. Dazu muss man sagen, dass diese Art zu Essen in unserer Woche zwar alltäglich war, aber für eine normale Zuhause-Mahlzeit nur 2-3 Zutaten und Reis oder Suppe zubereitet werden.



Ganz besonders spektakulär wurde es, wenn der so genannte Eichhörnchen-Fisch als Ass aus dem Ärmel gezogen wurde. Ein goldbraun-süß-saurer Poisson, der auch Cousin unseres heimischen baumbewohnenden Nagetiers hätte sein können. Überhaupt gibt es nicht DAS chinesische Essen, sondern eine unglaublich Vielzahl von regionalen Küchen, die sich in Geschmacksrichtung, Schärfegrad, Zutaten und Zubereitung unterscheiden. In Peking durfte nicht fehlen, dass uns am Tisch vom Koch eine hauchdünn geschnittene Peking-Ente dargebracht wurde, die klassischerweise mit Gurke, einer Art Pfannkuchen und einer speziellen Soße verzehrt wird.


In einem dafür berühmten Restaurant wurde in einer Art chinesischem Fondue in der Mitte des Tisches ein Kessel platziert, dessen obere Rundung mit heißen Öl gefüllt war, in dass man ganz fein aufgeschnittene Lammstreifen eintunken und Gemüse darin garen konnte. Dabei haben uns unsere chinesischen Begleiter geraten, dass Fleisch mit den Chopsticks haltend, sieben mal einzutauchen, bevor es gegessen wird. Mein Problem bestand nur darin, dass mir spätestens beim fünften Eintauchen das „schlüpfrige Scheißerchen“ von den Essstäbchen geflogen ist und in der sprudelnden Sud sein Eigenleben trieb. Ab da habe ich entweder mit Angeln begonnen oder so getan als ob nichts gewesen wäre und einen dicken Gemüseball oder Tofuquader versenkt, den ich durch seine handliche Größe sogar noch mit zwei gebrochenen Fingern aus dem Topf hätte befreien können. Auch diese Art zu essen war ein gemütliches Gemeinschaftserlebnis.




Das „mit Stäbchen Essen“ war für mich insgesamt eine ziemliche Herausforderung. Darin bin ich nicht wirklich geübt und ich habe tatsächlich zu Hause ein bisschen trainiert, um sicher zu gehen, dass ich einem hohen chinesischen Regierungsrepräsentanten erstens nicht verletzte oder ihn durch meine krampfhafte Fingerperformance mit einem Reisbällchen beschieße und einen internationalen Konflikt auslöse. Aber ehrlich gesagt, habe ich relativ schnell dazu gelernt und abgesehen von dem ein oder anderen Sojaklecks meine Sache eigentlich ganz gut gemacht. Obwohl es schon mal sein konnte, dass insgesamt unser Tisch nach dem letzten Gang und einem hungrig geführten Gefecht ziemlich verwüstet aussah.

Zu sehr offiziellen Gelegenheiten hat man sich natürlich noch mehr ins Zeug gelegt, um das Essen vor der Tischdecke zu bewahren und in die eigene Schüssel zu manövrieren. Diese stand jedem von uns immer zur Verfügung, da nicht vom Teller, sondern eigentlich aus der Schüssel gegessen wird, die mit den Stäbchen leichter zum Mund geführt werden kann. Beim Bankett mit dem Chef des Allchinesischen Jugendverbands war ich besonders vorsichtig, da ich a) meine Crew und mich nicht blamieren und b) Behruz Anzug, den ich mir ausgeliehen hatte, nicht unnötig mit belasten wollte. Bis auf einen leichten Streifschuss Süss-Sauer ist mir das auch gelungen.


Serviert wurde das Essen meist von einem kleineren Trupp Angestellter des Hauses, die von einer Art Supervisor instruiert wurden, in kleineren Restaurants vom ganzen Familienbetrieb oder in extrem weitläufigen Hallen von Kellnern, die auf Rollschuhen unterwegs waren.

Insgesamt kann ich abschließend nur erwähnen, dass mir auf der einen Seite das Essen und die Art des gemeinsamen Speisens äußerst gut gefallen hat, da man durch die Langsamkeit, das Achtgeben auf den Nachbarn, das häppchenweise Probieren in ein ganz eigenes Tempo verfällt, immer wieder von ganz unterschiedlich abwechslungsreichen Geschmäckern überrascht wird, durch die reduzierte Geschwindigkeit nicht unbedingt sofort das Gefühl hat, eine Stopfgans zu sein und dementsprechend nicht dieses Völlegefühl verspürt, welches bei einem letzten Minzplätzchen schon zur Katastrophe führen kann.

Auf der anderen Seite dachte ich mir gegen Ende, dass die Vielfalt des Essens wiederum ablenkt, von dem einen geilen Geschmack, dem Lieblingsgericht, in das man sich sprichwörtlich setzen mag und in dem man sich hedonistisch fast auflösen könnte. Dementsprechend dachte ich nach 8 Tagen Essen auf Rädern am letzten plötzlich an….eine Pizza.

Fotos von Gerald Wolf und Ramin Tschaitschian