Nach dem ich jetzt lange krank außer Gefecht gesetzt war, melde ich mich zurück. Die Stunden der Bettlägerigkeit habe ich in der letzten Woche vor allem dazu genutzt mich in die „Golden Years“ von Walt Disney zu stürzen. Aus diesem Grund habe ich mir die Diamond Edition von Schneewittchen und die Sieben Zwerge, die Platinum Ausgabe von Pinocchio und die Special Edition von Dumbo  zu Gemüte geführt.

Alle sind mittlerweile in restaurierten Versionen auf Blu Ray und mit einer Tonne von absolut erhellenden, außergewöhnlich guten Extras erschienen, auf die ich vor allem mein Augenmerk gelenkt habe. Und meine Bewunderung für die Leistung von Walt Disney in den 20-40er Jahren des letzten Jahrhunderts kennt seitdem kein Abbruch. Um die Evolution des Studios verfolgen zu können, möchte ich kurz noch mal ein paar Stationen ins Gedächtnis rufen und mit kurzen Filmbeispielen die Weiterentwicklung demonstrieren.

Kurzen animierten Schwarz-Weiß Stummfilmen für Werbezwecke folgte mit Steamboat Willie Mickey Mouse dritter Auftritt und der allererste Animation Short, der Bild und Sound (Musik, Soundeffeckte und Dialog) miteinander sychronisierte und damit zu einem unglaublichen Erfolg wurde.

Steamboat Willie (1928)
[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=J6uzf_z_OXg&feature=related[/youtube]

Der erste farbige Kurzfilm von Walt Disney folgte mit Flowers and Trees 1932 in Zusammenarbeit mit Technicolor, für den er den Academy Award (Best Animation Short:Cartoon) erhielt.

Flowers and Trees (1932)
[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=VTuIb7BIFqk[/youtube]

Zu diesem Zeitpunkt wurde schon an der Arbeit mit realistischeren Charakteren (wie z.B. in Goddess of Spring – 1934) als Vorbereitung zu Schneewittchen und die Sieben Zwerge geprobt, der 1937 als erster abendfüllender Animationsfilm für eine absolute Sensation sorgte, was niemand vorausgesagt hatte.

Goddess of Spring – 1934
[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=lqQuNK68F98[/youtube]

Ganz im Gegenteil. Die Produktion von „Schneewittchen“ galt als absoluter Wahnsinn. Skeptiker sagten voraus, dass man einem Publikum, welches kurze Cartoons gewohnt war, in denen niedliche Figuren drei Minuten auf und ab hüpften, keinen 90 minütigen Trickfilm vorsetzen kann, in dem mit gezeichneten, menschlich ausdefinierten Charakteren mit voll realisierten Emotionen das allererste Mal eine glaubhafte Narration wiedergegeben wurde. Der Film kostete $1,488,422.74, was für damalige Verhältnisse ein gigantische Summe war. Dem Studio ging das Geld aus und man konnte sich nur mit der Vorführung eines Rough Cuts retten, zu dem die Bank of America eingeladen wurde, die danach begeistert den Rest der Produktion finanzierte.

Tausend und abertausende Zeichnungen entstanden, Walt Disney führte seiner Crew Werke des Deutchen Expressionimus vor (Nosferatu, Das Kabinett des Dr. Caligari), dessen Einflüsse an mehreren Stellen deutlich zu erkennen sind, er organisierte extra Ausbildungsgänge, die die Qualität seiner Zeichner noch verbessern sollte.

Schneewittchen und die Sieben Zwerge – 1937
[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=EI5TKlAvVsE&feature=related[/youtube]

Die ganzen Mühen gaben ihm Recht, denn der Film wurde ein unglaublicher Erfolg. Standig Ovations bei der Premiere, ein schluchzendes Publikum, dass beim Anblick der um Schneewittchen trauernden Zwerge nicht mehr an sich halten konnte.

Vor allem in Pinocchio wurde das erste Mal in großem Umfang mit der neuartigen Multiplan Kamera gearbeitet, die es ermöglichte unterschiedliche Hintergründe, die auf Glasplatten gezeichnet waren, unabhängig voneinander übereinander zu legen und abzufilmen, um so Tiefenschärfe, 3-D Effekte und Kamerabewegungen zu den Seiten hin zu erzeugen (vorher schon im Kurzfilm Old Mill getestet)

Old Mill – (1937)
[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=MYEmL0d0lZE&feature=related[/youtube]

Pinocchio – (1940)
[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=P4WLk_OCLoU&feature=related[/youtube]

Für Bambi wurden ausführliche Tierstudien durchgeführt, um realistische Animationen von auf die Leinwand zu zaubern.

Was mich am meisten beeindruckt hat, war vor allem der künstlerische Mut, den das Studie zur Zeit der Weltwirtschaftskrise und des Zweiten Weltkrieges immer wieder einging und dabei geleitet von einer künstlerischen Vision auch potenzielle finanzielle Flops riskierte. Das gezeichnete Klassik Spektakel Fantasia wollte damals keiner sehen, obwohl es animationstechnisch wieder neue Maßstäbe setzte und man sich damit noch weiter von harmloser, gezeichneter Trickfilmunterhaltung in Richtung Kunst bewegte.

Fantasia – Night On Bald Mountain (Modest Mussorgski) (1940)
[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=V8Ca_edg6RE&feature=related[/youtube]

Nur so ist auch die psychedelische „Pink Elephant“ Nummer in Dumbo zu verstehen, die deutlich von Arbeiten damaliger Surrealisten inspiriert erschien.

Dumbo – Pink Elephant On Parade (1941)
[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=944cPciN-kw[/youtube]

Und so wundert es auch nicht, dass damals die Idee entstand einen Kurzfilm in Zusammenarbeit mit Salvador Dalí zu drehen. Der Film mit Namen Destino konnte leider unter dem finanziellen Druck, unter dem das Studio damals litt, nicht vollendet werden, was erst 2003 geschah, als aus dem schon existierenden Material, den noch bestehenden Storyboards und nach Interviews mit Gala Dalí (der Frau von Salvador Dalí) der Film endgültig realisiert wurde.

Destino (1945-1946 / 1999)
[vimeo]http://vimeo.com/10857412[/vimeo]

Wenn man sich die Entwicklung des Studios anschaut, ist es unglaublich bemerkenswert, dass zwischen dem Schwarz Weiß Film Steamboat Willie (1928) und Schneewittchen und die Sieben Zwerge (1937) nur neun Jahre liegen. Ein absoluter Quantensprung in Sachen erzählerischer, sound- und tricktechnischer Entwicklung. Kein Wunder, dass Sergei Eisenstein „Schneewittchen“ als „the greatest movie ever made“ bezeichnete. Und das aus dem Mund des Regisseurs der uns Panzerkreuzer Potemkin geschenkt hat.